robert moratVéronique Bouruet-Aubertot über die Serie A PORTRAIT OF THE ARTIST AS A YOUNG MOTher

Zu dem Thema Mutterschaft gibt es heute kaum Kommentare, kaum Darstellungen. Merkwürdigerweise scheint dieser fundamentale und wesentliche Wandlungsprozess sorgfältig weggesteckt im toten Winkel einer Gesellschaft, die doch sonst vor Eingriffen in die private Sphäre nicht zurückschreckt.

Einen Zufall möchte man da nicht vermuten. Eher ein Tabu. Und deshalb wird man von der neuen Serie von Katharina Bosses Fotografien, in denen die Künstlerin sich mit ihren eigenen Kindern darstellt, gepackt, überrascht, erschüttert, verstört. Katharina Bosse wurde 1968 in Finnland geboren, wuchs in Deutschland auf und lebte in New York, wo sie bald Aufmerksamkeit erweckte mit fotografischen Arbeiten wie „Surface Tension“ (2001) , Porträts von Personen oder Orten als eine Vielfalt von Erscheinungen der Oberfläche; „New Burlesque“ (2003), Porträts von Amateurstriptease Tänzerinnen, und zuletzt „Mermaid-Waterparks“ (2005) über die jährliche Mermaid Parade in Coney Island und die Künstlichkeit von Wasserfreizeitparks.

Das Wahre / das Falsche, die Wirklichkeit / das Erscheinungsbild, die Täuschung, die Maskerade: Katharina Bosse untersucht und erforscht die Stärke und die tiefer liegenden Gründe für Stereotypen.

Die neue Serie „A Portrait of the Artist as a Young Mother“, markiert einen Wendepunkt in ihrem Werk, sie stellt sich offen ihren eigenen Erfahrungen. Nachdem sie sechs Jahre in New York gelebt hat, kommt Katharina Bosse zurück nach Deutschland und bringt innerhalb von vier Jahren zwei Kinder auf die Welt. Diese doppelte Veränderung in ihrem Leben wird in ihrer künstlerischen Arbeit mit Selbstporträts begleitet. In großformatigen Farbfotografien stellt sich die Künstlerin mit ihren Babies der Kamera, um die Veränderungen der Identität zu zeigen, die die Erfahrung von Mutterschaft für eine Frau bedeutet. Sich über jeglichen Anstand hinwegsetzend, inszeniert sie sich inmitten von Natur, meistens nackt, und überlässt sich, wie sie sagt „dem, was nur ihr Körper ausdrücken konnte“. Wie eine Ode an das Leben, erscheint sie mit im Wind wehenden Haaren, einen bacchanalischen Tanz aufführend, schimmernd wie eine Göttin von Botticelli. Animalisch ist sie auf allen Vieren zu sehen, ihren Säugling stillend wie die Römische Wölfin Romulus und Remus. Provozierend erscheint sie nackt im Pelzmantel, ihr Geschlecht sichtbar, oder, mit Lederstiefeln und starkem Make-up, schwanger, in einem Kornfeld. In anderen Bildern identifiziert sie sich, rein und diaphan, mit der Madonna, oder, keusch verhüllt, ihre Kinder an ihre Brust drückend, mit der Figur der Barmherzigkeit. Schließlich, sehr verstörend, erscheint sie in Rot gewandet und maskiert, wie eine verschlingende, teuflische Figur.

Die neue, beunruhigende und herausfordernde Serie von Katharina Bosse enthüllt, nicht ohne Humor und Kühnheit, viele Facetten eines äußerst komplexen und unterschätzten Prozesses: Die Geburt einer Mutter.

Véronique Bouruet-Aubertot